Über die Produktion

Wie kam es zu diesem Projekt?
Ich interessiere mich seit rund 20 Jahren für Kinder und ihre Krankheiten, und ich hatte gerade zwei Jahre in der neurologischen Abteilung des Pariser Hôpital Necker zugebracht, um dort einen Dokumentarfilm zu drehen. Da gab es Kinder, die so ganz anders waren als andere Kinder, deren Schicksal mir zu Herzen ging. Und die mir klar machten, dass Kinder mit schwersten Erkrankungen trotzdem einen unbändigen Lebenswillen haben, der alle in ihrem Umfeld ansteckt, nicht nur ihre Familie, sondern auch mich. Irgendwann bekam ich Lust, eine Geschichte zu erzählen, die dieses Thema behandelt, mit Figuren, die weder außergewöhnlich noch banal sind, sondern Menschen, mit denen wir uns mühelos identifizieren können, und die sich unter dem Einfluss eines Kindes als ganz besondere Figuren entpuppen. Ich wollte einen Film drehen, dessen Held zwar behindert ist, dessen Krankheit man aber schnell vergisst. Man schaut ihn an und stellt fest, der ist anders, aber sobald man sein Anderssein akzeptiert hat, fällt einem seine Behinderung nicht weiter auf, weil er so viel Energie ausstrahlt. Ich finde das wunderbar.

Basiert der Film auf der Beziehung zu Ihrem Vater?
Nein, ich habe mich eher von der Beziehung zu meinem Sohn inspirieren lassen, den ich über alles liebe und mit dem ich viel Sport gemacht habe. Nehmen wir nur die Szene, in der Julien auf dem Fahrrad sitzt und von seinem Vater geschoben wird – die hat mit meiner Erinnerung daran zu tun, dass mein Sohn und ich mal zusammen Motorrad gefahren sind als er fünf Jahre alt war. Ich sehe noch seinen strahlenden Gesichtsausdruck im Rückspiegel, und das war es, was mich zu dieser Sequenz inspiriert hat.

Auffallend ist an Ihrem Film, dass er zeigt, wie nicht nur Julien Erfahrungen sammelt und sich wandelt, sondern auch seine Eltern…
Ich konnte an vielen Familien, die mit der Behinderung eines Angehörigen konfrontiert sind, beobachten, wie die Energie, die ein Kind verströmt, sein Umfeld beeinflusst und einen Wandel auslöst. Natürlich ist das nicht bei allen Familien so, denn leider sind manche Kinder auf Grund ihrer Behinderung in einem Zustand ständiger Traurigkeit gefangen. Aber die Geschichte der Familie, die wir in unserem Film erzählen, ist in erster Linie die eines Jungen, der seinen Eltern die Augen dafür öffnet, wer sie in ihrem tiefsten Innern wirklich sind. Durch ihn gelingt es den Eltern auch, die Meinung, die sie von sich selbst haben, zu ändern, und das hilft ihnen, über sich hinauszuwachsen und gemeinsam zu entdecken, dass sie Menschen mit ganz wunderbaren Seiten sind. Ich finde es großartig, dass ein 18-Jähriger den Wandel seines Vaters so radikal beeinflussen kann. Der hatte sich der Familie ja bewusst entzogen und seinen Sohn mehr oder minder verstoßen, doch unter dem Einfluss seines Kindes wandelt sich seine Geisteshaltung. Es ist ja weiß Gott verdammt schwierig, sich zu ändern, wenn man sein ganzes Erwachsenenleben auf Vorurteilen aufgebaut hat. Aber dem Vater in meinem Film gelingt es, sich zu ändern, und das drückt sich spätestens in diesem Satz aus: „Meine Frau ist nicht die, für die ich sie immer gehalten habe, und mein Sohn entspricht überhaupt nicht dem Bild, das ich mir von ihm gemacht hatte.“

Ihr Film hat etwas Strahlendes, dem Leben Zugewandtes…
Zu Beginn des Films haben wir es mit einer buchstäblich gelähmten Familie zu tun – da ist die Mutter, die nur für ihren Sohn lebt (was häufig vorkommt, wenn man ein Kind hat, das anders ist als andere Kinder), und da ist der Vater, der viel zu häufig abwesend ist. Aber diese Struktur wird schnell durchbrochen, die Figuren bekommen durch den Ironman, den sie sich als Ziel gesetzt haben, wieder Spaß am Leben. Spannungen gibt es in meinem Film tatsächlich eher nicht so viele, denn ich wollte in erster Linie einen bewegenden, ausgesprochen hoffnungsvollen Film machen.

Die Vaterfigur steht permanent unter Druck. Wie ist es dazu gekommen?
Ich wollte, dass es zu Beginn des Films den Anschein hat, als würde er in einem Schraubstock stecken. Nach Hause zurückgekehrt ist er ja nur, weil er arbeitslos wurde, und das auch ziemlich widerwillig. Er hat keine Lust, Zeit mit seinem Sohn zu verbringen, und seine Ehe steht – genau wie er – kurz vor der Explosion. Ein Stück weit erkenne ich mich in Paul wieder: Auch bei mir kann sich jede Menge Frust anstauen, der sich dann plötzlich Bahn bricht. Doch dem Vater gelingt es allmählich, Gefühle und Zärtlichkeit zuzulassen, wenn auch unendlich vorsichtig. Für mich ist Gamblins Wandlung die eines Helden unserer modernen Zeit, und das verleiht dem Film eine durchaus epische Dimension.

Er beschreibt auch, wie schwierig es ist, zwischen der Abwesenheit des Vaters und der übertriebenen Fürsorge der Mutter seinen Platz zu finden …
Ja, es beginnt damit, dass die Mutter ihren Sohn mit ihrer Fürsorge regelrecht erstickt, während sich der Vater aus dem Staub gemacht hat; doch dann wird diese Konstellation auf den Kopf gestellt. Zu akzeptieren, dass der Vater sich in das Leben ihres Sohnes drängt, fällt der Mutter sehr schwer, denn sie verliert ja dadurch an Bedeutung. Sie sieht, wie ihr Kind sich gewissermaßen emanzipiert und ein gemeinsames Projekt mit seinem Vater auf die Beine stellt, und das untergräbt natürlich ihre Autorität. Obwohl sie sich für ihn freut, hat sie trotzdem das Gefühl, zum fünften Rad am Wagen zu werden. Das geht übrigens vielen Müttern so, selbst in Familien, die nicht mit einem Behinderten in ihrer Mitte leben.

Hat die Mutter das Gefühl, sich für ihren Sohn aufgeopfert zu haben?
In vielen Familien, die ich kenne, ist es so, dass die Mütter, deren Kinder auf permanente Hilfe angewiesen sind, keine Minute für sich allein haben. Und so kann es vorkommen, dass sie das Gefühl haben, sich aufzuopfern – erst recht, wenn das Kind die Familie irgendwann doch verlässt und auf eigenen Füßen steht. Plötzlich weiß die Mutter, deren Tagesablauf komplett durchgetaktet war, nichts mehr mit sich und ihrer Zeit anzufangen. Wie reagiert man, wenn man plötzlich vor dieser Leere steht? Ich finde es sehr bewegend, dass die Mutter in unserem Film es akzeptiert, dass sie die Hoheit über ihren Sohn verliert und dieser viel Spaß mit seinem Vater hat, obwohl sie 17 Jahre lang die „Drecksarbeit“ erledigen musste. Klar, irgendwo ist das ungerecht, aber es gelingt ihr allmählich, die Dinge mit anderen Augen zu sehen und sich zu freuen, dass Vater und Sohn wieder zueinander finden. Als sie merkt, wie ihr Mann aufblüht, verliebt sie sich auch wieder in ihn – und beteiligt sich schließlich ebenfalls an dem Rennen, zusammen mit den beiden Männern ihres Lebens. So wird aus ihrer Geschichte wieder eine gemeinsame Geschichte…

Warum haben Sie die Handlung in den Bergen angesiedelt? Ich wollte zeigen, dass die Figuren Gefangene ihrer selbst sind – und das in einer wahnsinnig weitläufigen Gegend. Dafür eignete sich die Alpenregion natürlich perfekt. Für mich symbolisiert das Haus eine Art Gefängnis, in dem man erstickt: Ich habe es mit starren Einstellungen gefilmt und die Kamera nur wenig bewegt. Immer, wenn die Eltern oder der Sohn etwas Wichtiges zu sagen haben, gehen sie nach draußen. Ich fand es spannend, Einsamkeit und Gefangensein an einem so offenen Ort zu inszenieren, der einladend und karg zugleich wirkt. Diese Entscheidung erlaubte es mir, die Kulissen so auszuwählen, dass sie zur jeweiligen psychischen Verfassung meiner Figuren passten.

Wie kamen Sie auf die Idee, Jacques Gamblin und Alexandra Lamy für die Eltern-Rollen zu engagieren? Jacques entsprach in körperlicher Hinsicht und altersmäßig exakt meiner Vorstellung des Vaters. Er kann sehr hart und verschlossen wirken, aber wenn er lächelt, geht die Sonne auf. Ich finde, dass er sich sehr viel Kindliches bewahrt hat, denn seine Fähigkeit, sich an Dingen zu erfreuen und Spaß an Neuem zu haben, ist intakt geblieben. Als Schauspieler ist er bereit, sich von seinen Partnern anrühren zu lassen, und das ist echt nicht zu verachten. Was Alexandra betrifft, hatte ich sie in „Männer und die Frauen“ gesehen und fand sie darin großartig, nämlich anders, als man sie normalerweise kennt: statt spritzig und peppig sehr intim und wahrhaftig. Soviel ich weiß, wurde sie darin zum ersten Mal so zurückhaltend und authentisch gezeigt. Und das machte mir Lust, ihr die Rolle der Mutter anzuvertrauen.

Man hat den Eindruck, dass Ihre Hauptdarsteller hundertprozentig in ihren Rollen aufgingen… Als ich Jacques die Rolle anbot, wusste ich nicht, dass er ein Buch über einen Vater und seinen Sohn geschrieben hatte, die dank des Sports zueinander finden – inspiriert von der Beziehung zu seinem eigenen Vater. Und als ich mich für Alexandra entschied, hatte ich keine Ahnung, dass sie seit langem eine Familie mit einem behinderten Kind begleitete, fürs Fernsehen eine Reportage über schwer kranke Kinder drehen würde und dass sie sich in diesem Bereich sehr engagiert. Es war so, als hätten die Rollen die Schauspieler gefunden, nicht umgekehrt.

Auf welche Weise fanden Sie Fabien Héraud, der die Rolle des Fabien spielt? Wir sind zu sechst fünf Monate lang durch Frankreich gereist und haben 170 Einrichtungen besucht, um dort einen Jugendlichen zu finden, der sichtbar behindert ist. Ich hatte vorher dazu aufgerufen, dass sie mir Aufnahmen von sich schicken sollten. Von Fabien kam ein Clip, den er mit ein paar Freunden gedreht hatte und in dem er auf seinem Rollstuhl herumalberte. Sein Lächeln hat mich sofort entwaffnet. Danach machte ich Probeaufnahmen mit ihm, und sein strahlendes, sonniges Charisma war offensichtlich. Natürlich musste ich herausfinden, ob er Gefühle, die er nicht selbst empfindet – etwa seinen Filmeltern gegenüber –, auch wirklich spielen kann. Menschen mit Infantiler Zerebralparese sind normalerweise nicht in der Lage, Gefühle zu simulieren. Deshalb wurde Fabien vier Monate lang gecoacht, und wir haben sehr viel an seiner Aussprache und seiner Phrasierung gearbeitet. Während der Dreharbeiten war Fabien der einzige, den restlos jeder toll fand: Er hat uns alle um sich geschart, ganz gleich ob Schauspieler oder Techniker, ungeachtet des Alters und der sozialen Herkunft.

Was hatten Sie sich hinsichtlich der Inszenierung überlegt? Die Ironman-Sequenzen wollte ich als großes Spektakel in Szene setzen, mit effektvollen Bildern und schnellen Schnitten, aber ohne dabei plakativ zu werden. Wir filmten ja eine Heldentat – und das sollte optisch schon ein Feuerwerk sein. Was die Szenen im Haus angeht, schwebte mir eine deutlich zurückhaltendere Inszenierung vor. Während die Filmfiguren im Freien ständig in Bewegung sind, sollten die Innenaufnahmen viel statischer ausfallen.

Wie bereitete sich Jacques Gamblin vor? Er hat in den drei Triathlon-Disziplinen irre viel trainiert. Deshalb brauchte er nach den sportlichen Sequenzen auch nicht besonders lange zu regenerieren. Und ich bekam als Bonus mehr Aufnahmen als vorgesehen in den Kasten. Andererseits wollte Jacques auf keinen Fall junge Behinderte in medizinischen Einrichtungen treffen, weil er fand, dass der Film über die Behinderungsproblematik hinausweisen sollte. Er wollte in erster Linie einen Vater spielen und sich auf seine Beziehung zu Fabien konzentrieren, für den er sich verantwortlich fühlte. Tatsächlich musste sich Fabien blind auf Jacques verlassen können, gerade in den Szenen, in denen sie beide auf einem Fahrrad sitzen und mit 55 Stundenkilometern ins Tal hinunter brettern.